{"id":875,"date":"2024-12-27T15:10:12","date_gmt":"2024-12-27T14:10:12","guid":{"rendered":"https:\/\/fabianpeltsch.com\/?p=875"},"modified":"2024-12-27T15:10:13","modified_gmt":"2024-12-27T14:10:13","slug":"platten-und-parfum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/fabianpeltsch.com\/en\/2024\/12\/27\/platten-und-parfum\/","title":{"rendered":"Platten und Parfum"},"content":{"rendered":"<h1 class=\"wp-block-heading\">Platten und Parfum<\/h1>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"697\" height=\"365\" src=\"https:\/\/fabianpeltsch.com\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/Screenshot-2024-12-27-at-15.07.03.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-877\" srcset=\"https:\/\/fabianpeltsch.com\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/Screenshot-2024-12-27-at-15.07.03.png 697w, https:\/\/fabianpeltsch.com\/wp-content\/uploads\/2024\/12\/Screenshot-2024-12-27-at-15.07.03-480x251.png 480w\" sizes=\"(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) 697px, 100vw\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>\u201eKenn\u2018 ich dich vielleicht aus dem Fernsehen?\u201c Der Ladendetektiv wollte offenbar witzig sein. Gleichzeitig hielt er mich fest am \u00c4rmel. \u201eDu kommst jeden Tag hierher, um Platten zu kaufen. Woher hast du eigentlich das ganze Geld? Bist du ber\u00fchmt, oder was?\u201c \u201eIch trage Zeitungen aus\u201c, antwortete ich kleinlaut. Das stimmte \u2013 aber nur zur H\u00e4lfte. Teile des Geldes, das ich Mitte der 90er im Drogeriemarkt M\u00fcller in Musik investierte, hatte ich aus dem Portemonnaie meines Vaters geklaut. Aber immer nur so viel, dass es maximal f\u00fcr die Nice Price-Versionen reichte. Auch wenn der Detektiv nichts gegen mich in der Hand hatte, f\u00fchlte ich mich ertappt. Ein Hausverbot bekam ich zum Gl\u00fcck nicht. Es h\u00e4tte mich musikalisch trockengelegt. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>In der baden-w\u00fcrttembergischen Stadt Singen am Hohentwiel, in der ich zur Schule ging, war der Drogeriemarkt M\u00fcller der einzige Ort, um unkompliziert an Musik zu kommen. Im Erdgeschoss gab es Parfum, Shampoo und Haushaltswaren. Dort lief ich mit angehaltenem Atem vorbei, auf die verspiegelten Treppen zu, die in den ersten Stock f\u00fchrten. Hier warteten Neuerscheinungen und Klassiker der Popgeschichte auf mich. Es war gerade die Zeit, als die CD endg\u00fcltig die Regale \u00fcbernommen hatte. Vinyl gab es auch noch, in einer Kiste hinten neben der T\u00fcr zum Lager. Der Inhalt bestand gr\u00f6\u00dftenteils aus Restposten. Meine erste LP habe ich dort dem Cover nach gekauft, um sie auf dem Plattenspieler meines gro\u00dfen Bruders abzuspielen \u2013 \u201eTake The World By Storm\u201c von einer obskuren amerikanischen Hairspray-Metal-Band namens Slave Raider. Ich besitze sie noch heute.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Grund, warum M\u00fcller in der Hegaustra\u00dfe 24 f\u00fcr mich und viele andere jahrelang ein Mekka war, lag auch am dort angestellten Verkaufsberater Ingo, Ingo Pohl. Ingo war ungef\u00e4hr so alt wie mein Bruder, also knapp f\u00fcnf Jahre \u00e4lter als ich. Er trug die Haare futuristisch, schwarz gef\u00e4rbt und oberhalb der gepiercten Augenbrauen spitz zulaufend, eine Art Mickey-Mouse-Haube, nur ohne die Mausohren. Der Komiker Ingo Appelt hatte eine \u00e4hnliche Frisur zu seinem Trademark gemacht. Bei \u201eM\u00fcller-Ingo\u201c kam die Inspiration aber offenbar aus der Rave-Kultur, das hatte ich mir anhand einiger Indizien zusammengereimt. Wer genau das stilistische Vorbild war und ob es \u00fcberhaupt eines gab, wei\u00df ich aber bis heute nicht so genau. Mit seiner Subkultur-Frisur und seinen zwei Metern K\u00f6rpergr\u00f6\u00dfe war Ingo hinter der Ladentheke eine imposante Erscheinung. Meine Klassenkameraden nannten ihn Mister Spock. Und ich tat es auch. Aber das war zumindest in meinem Fall nicht absch\u00e4tzig gemeint. Es imponierte mir eher, dass Ingo sich traute, im kleinst\u00e4dtischen Einerlei so au\u00dferirdisch auszusehen. Die farblose Industriestadt Singen zwischen Bodensee und Schweizer Grenze war h\u00f6chstens bekannt f\u00fcr ihre mittelalterliche Festungsruine und den Hauptsitz der Maggi-Werke, wegen denen die Sommerluft an hei\u00dfen Tagen nach Suppenw\u00fcrfeln roch. Sonst war hier nicht viel zu erleben.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich wollte raus in die Welt, seit ich denken kann. Den Dialekt meiner Heimat habe ich nie gelernt. Auch Ingo sprach den alemannischen Zungenschlag der Hegau-Region nicht. Er stammt aus Berlin-Buch, einem Ortsteil des einst von Udo Lindenberg besungenen Pankow. Ende der 80er-Jahre war seine Familie aus dem Osten geflohen. Einer jener Verwandtenbesuche, bei denen man Dokumente und Erbst\u00fccke zwischen der Wechselw\u00e4sche versteckt und nie mehr wiederkehrt. So landete Ingo im s\u00fcdlichsten S\u00fcddeutschland, wo popkulturell niemand jemals etwas gerissen hat. Seine Gro\u00dfeltern blieben in Berlin und Ingo kam sie nach dem Mauerfall oft besuchen. Vielleicht war er deshalb offener f\u00fcr die urbanen Versprechungen von Musk. Seine Lieblingsplatten kamen aus Orten wie Bristol oder London, intellektuell herausfordernde Elektronik aus der Warp-Schmiede, von Aphex Twin \u00fcber Autechre bis zu Squarepusher. Und das war nicht alles: In seiner Freizeit legte Ingo unter dem Namen DJ Neuro selbst Platten auf, nachts im Niemandsland der Grenzw\u00e4lder, wo man auf Gras und Ecstasy zu Goa-Trance tanzte. Zumindest hie\u00df es das. Daran teilgenommen habe ich nie. Ich mochte die Smashing Pumpkins, Tocotronic und den Lavalampen-Lounge von Airs \u201eMoon Safari\u201c. Ingo legte mir Fortgeschritteneres wie Boards Of Canada und Amon Tobin ans Herz, aber auch Indie-Geheimtipps wie Cornelius aus Tokio. L\u00e4ngere Gespr\u00e4che mit ihm zu f\u00fchren, traute ich mich nicht, aus Angst, zu entbl\u00f6\u00dfen, dass ich weniger \u00fcber Musik wusste als er. &nbsp;Als wir uns f\u00fcr diesen Artikel das erste Mal seit Jahren sehen und vermutlich zum ersten Mal lange unterhalten, ist es ein bisschen, als gest\u00fcnde man eine Teenagerliebe im sicheren Abstand vorbeigezogener Jahre. Ingo grinst, als ich ihm erz\u00e4hle, wie er damals auf mich wirkte. \u201eDas ist tats\u00e4chlich oft passiert. Leute, die mich nicht kannten, sagten sp\u00e4ter: ich dachte du w\u00e4rst ganz anders.\u201c Es habe sogar Kinder gegeben, die sich aus Angst vor ihm hinter den Regalen versteckten, wenn die Eltern an der Kasse standen, \u201eweil ich f\u00fcr die so einen Gruftie-Look hatte. Aber nat\u00fcrlich war ich kein Gruftie. Ich wei\u00df auch gar nicht mehr, wie ich auf die Frisur gekommen bin\u201c, sagt er und lacht. 25 Jahre arbeitet Ingo jetzt bei M\u00fcller. 25 Jahre hat es gedauert, bis er mir nahbar erscheint.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich aufs Gymnasium kam, beendete Ingo gerade eine Ausbildung zum Textillaborant. Weil er auf dem Weg zur Ausbildungsst\u00e4tte zwischen zwei Zugfahrten oft Zeit totschlagen musste, ging er regelm\u00e4\u00dfig zu M\u00fcller. \u201eDiese halbe Stunde habe ich in der Medienabteilung totgeschlagen. Die waren zumindest f\u00fcr meine damaligen Bed\u00fcrfnisse schon recht gut aufgestellt\u201c. Nat\u00fcrlich fragte er auch hin-und wieder, ob man ihm nicht dieses und jenes bestellen k\u00f6nnte. Eines Tages sprach ihn wiederum der Abteilungsleiter an: &#8222;Sag mal, willst du nicht bei uns anfangen? Du bist doch eh schon jeden tag hier.&#8220; N\u00e4chstes Jahr findet f\u00fcr Ingo und andere M\u00fcller-Jubilare eine Ehrenfeier in der Firmenzentrale in Ulm statt. Vermutlich gibt es dann den obligatorischen Gutschein und ein Dankesschreiben mit Original-Unterschrift von Erwin M\u00fcller, dem Gr\u00fcnder und Firmenpatriarch, der das Unternehmen nach einigen abgesetzten Nachfolgern im stolzen Alter von 92 noch immer leitet. Platten gibt es in M\u00fcllers Drogeriem\u00e4rkten seit 1977, die erste Filiale, die mit einer solchen Abteilung ausgestattet wurde, liegt in Heidenheim an der Grenze zu Bayern. Warum Erwin M\u00fcller das Gef\u00fchl hatte, dass seine Drogeriem\u00e4rkte auch Plattenl\u00e4den sein sollten, und welche Musik er selbst gerne h\u00f6rt, ist nicht \u00fcberliefert. Die Presseabteilung lehnte alle Anfragen f\u00fcr diesen Artikel ab. Fakt bleibt, dass die Medienecke von M\u00fcller vor dem Auftauchen von Mediamarkt und Saturn der einzige Zufluchtsort f\u00fcr musikliebende Landeier wie mich war. Das Konstanzer \u201eStudio 1\u201c, der n\u00e4chstgelegene klassische Plattenladen lag von meinem Heimatdorf Randegg \u00fcber anderthalb Stunden entfernt, Wartezeiten an entlegenen Haltestellen nicht einberechnet. Nat\u00fcrlich waren die Drogeriem\u00e4rkte von M\u00fcller gleichf\u00f6rmige Orte, die wie auch Karstadt den Mief der alten BRD atmeten, aus dem ich ja eigentlich entfliehen wollte. Und auch vom Parfumgeruch bekomme ich dort bis heute Kopfschmerzen. Aber mein M\u00fcller hatte ja Ingo, und der brauchte die Expertise und Ausstrahlung eines echten Plattenh\u00e4ndlers rein. Wenn man etwas suchte, das selbst er nicht kannte, drehte er den Computerbildschirm um und lie\u00df einen durch die Liste scrollen. Wenn man eine Melodie im Kopf hatte, aber den Titel nicht wusste, konnte man ihm etwas vorsummen und die Chancen standen nicht schlecht, dass er es erkannte. Wenn ein Album nicht im System verzeichnet war, rief er auch schon mal direkt beim Label an und fragte nach den Lieferkonditionen. Nicht wenige seiner Stammkunden kauften die Alben ungeh\u00f6rt, wenn Ingo sie ihnen empfohlen hatte. \u201eSie meinten: Wenn du das sagst, wird es schon passen. Das hat es das letzte Mal auch.\u201c Ein d\u00fcnkelhafter Gatekeeper von Geheimwissen war Ingo nie, im Gegenteil: Hier wurde schlie\u00dflich Umsatz f\u00fcr einen europaweit operierenden Konzern erwirtschaftet. Den Gesetzen des Marktes unterlag auch Ingo t\u00e4glich. Wenn er zu lange mit einem Kunden plauderte oder zu sorgsam die Regale pflegte, schaute der Filialleiter schon mal argw\u00f6hnisch oder stellte ihn zur Rede: \u201aAn der Kasse warten Kunden, die bezahlen m\u00f6chten.\u2018 Trotzdem sprach sich auch im Unternehmen herum, dass hier eine Credibility herrschte, die andere M\u00fcllerfilialen nicht hatten. <strong>&quot;<\/strong>Auch wenn die Medienbestellung zentral gesteuert wurde, hatte ich einige Verantwortung\u201d, erinnert sich Ingo. Wenn ein K\u00fcnstler zum Beispiel seiner Ansicht nach falsch einsortiert war, rief er in der Zentrale an und bat um Berichtigung, So kam es immer wieder vor, dass dank ihm bundesweit die Regale neu sortiert wurden und ein Nick Cave bei Alternative landete und nicht mehr bei Pop. <strong>&quot;<\/strong>Ich w\u00fcrde sogar behaupten, dass ich da relativ viel Einfluss hatte. Andere waren da nie so hinerher.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Sein Ruf drang irgendwann sogar bis zur F\u00fchrungsebene durch. Einmal kam ein hohes Tier aus der Zentrale nach Singen. \u201eIn der Hierarchie so ungef\u00e4hr eine Position unter Erwin M\u00fcller\u201c, erinnert sich Ingo. \u201eich hatte gerade Pause als mein Chef mich ausrufen lie\u00df: \u201eHier will dich jemand sehen.\u201c Der Besucher aus Ulm sagte: \u201aAh, Sie sind dieser Herr Pohl, der den Laden hier am Laufen h\u00e4lt\u2018. \u201eJemand muss mich da oben erw\u00e4hnt haben\u201c, sagt Ingo. Erwin M\u00fcller hat er nur einmal pers\u00f6nlich getroffen, als dieser bei einem routinem\u00e4\u00dfigen Besuch in Singen vorbeischaute. Es muss ein interessantes Bild gewesen sein, als er zum H\u00e4ndesch\u00fctteln bei Ingo ankam: Der 1Meter 60 gro\u00dfe Firmenpatriarch und der zwei Meter gro\u00dfe Schlaks.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn M\u00fcller nicht der coolste Arbeitsplatz der Welt war: Solche Dinge schafften Genugtuung. Und Ingo hat ja auch wirklich alles gestemmt, was man in so einer M\u00fcller-Medienabteilung zu stemmen hatte. Er erinnert sich an Stapel mit den neuesten Bravo-Hits, die in der Erscheinungswoche weggingen wie warmes Brot. An Alben, auf die sich anscheinend ganz Deutschland einigen konnte, zum Beispiel Herbert Gr\u00f6nemeyers \u201eMensch\u201c. Daran, wie er f\u00fcr viele Jahre jede Woche per Hand die Charts in den Regalen abbilden musste, \u201evon Platz 1 bis 100 bei den Alben und bei den Singles\u201d. \u201eEs war schon traurig, wie unsere Musikabteilung mit der Zeit immer radikaler verkleinert wurde\u201d, sagt er. Zuerst aufgrund des DVD-Booms, dann aufgrund von Spielwaren, die mit dem Musiksortiment zusammengelegt wurden. \u201eEigentlich w\u00e4re das eine interessante Grafik, wie sich die einzelnen Abteilungen \u00fcber die Jahre bis zum Verschwinden verkleinert und dann wieder vergr\u00f6\u00dfert haben\u201c, sagt Ingo.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass Vinyl in den Nullerjahren auch bei M\u00fcller ein Comeback feierte, und pl\u00f6tzlich wieder raumgreifend in den Regalen thronte, war wie ein Glitch in der Matrix. \u201eDas hat mich gefreut. Alles was dem Streamingmarkt die Stirn bietet, finde ich gut\u201d. Eine positive \u00dcberraschung war auch, dass wieder junge Leute im Laden auftauchten, um Musik zu kaufen. Das waren bei M\u00fcller aber nicht in erster Linie Sammler und Hi-Fi-Nerds sondern oftmals Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler, die nach bestimmten K\u00fcnstlern suchten. \u201eManche kamen rein und machten auch einfach nur Fotos von den Platten, vielleicht um sie sp\u00e4ter auf Spotify oder Apple-Musik anzuh\u00f6ren.\u201c Fankultur-Items von Taylor Swift oder K-Pop-Gruppen wie BTS, die in unz\u00e4hligen Editionen und Varianten auf den Markt kommen, sind bei ihnen bis heute gefragt und werden st\u00e4ndig nachgeliefert. \u201eWenn man davon alle haben will, muss man tief in den Geldbeutel greifen\u201c, sagt Ingo etwas resigniert. Aber auch das geh\u00f6rt zum Job. Man ist hier schlie\u00dflich nicht in Nick Hornbys High-Fidelity, wo man als verantwortungsbewusster Geschmackst\u00fcrsteher auch mal \u201cNein\u201d sagen m\u00fcsste. Der Kunde ist K\u00f6nig. Vergleichen mit fr\u00fcher k\u00f6nne man die Nachfrage ohnehin nicht, sagt Ingo. \u201eDie fetten Jahre sind auf jeden Fall vorbei.\u201d &nbsp;Vor zwei Jahren ist der Laden umgezogen, in eine Allzweck-Mall mit DM und Decathlon gegen\u00fcber vom Hauptbahnhof. Die Musikabteilung ist jetzt noch kleiner als vorher. \u201eEs kommen vor allem die Basics rein. Immerhin haben sie nicht gesagt, wir machen ganz dicht\u201d. Einige Stammkunden halten Ingo aber auch am neuen Standort die Treue. Da ist zum Beispiel Martin Stett, 54 und Metal-Fan. Er kauft seit vielen Jahren seine Musik bei M\u00fcller. \u201eIn Singen gab es lange immer nur drei Gesch\u00e4fte, bei denen man Platten kaufen k\u00f6nnte: Karstadt, Schellhammer und M\u00fcller\u201d, erkl\u00e4rt er. \u201cBei Karstadt war die Auswahl&nbsp;nicht so gut, Schellhammert oft teurer. Ausserdem konnte man bei M\u00fcller auch immer in die Platten und CDs&nbsp;reinh\u00f6ren. Das endete erst, als Corona kam.\u201d Der gelernte Schreiner und hauptberufliche Fensterbauer kommt oft direkt in Arbeitskluft in den Laden und t\u00e4tig Bestellungen im Voraus. \u201cOnline bestelle ich nicht gerne, weil mir der pers\u00f6nliche&nbsp; Kontakt gef\u00e4llt. Man kann sich vor Ort \u00fcber Neuerscheinungen oder Konzerte austauschen.\u201d Und nat\u00fcrlich spielt auch Ingo eine Rolle, der sich in Genres auskennt, die er selbst nicht unbedingt h\u00f6rt. \u201cIngo gilt bei uns Multimedia-Fans in Singen als der Beste.\u201d Wobei Stett auch schon lange vor Ingos Zeit gute Erfahrungen mit dem hiesigen Drogeriemarkt gemacht hat, wie er sich erinnert. &nbsp;\u201cIn den&nbsp; 1980ern hatte M\u00fcller immer nur bis 18:30 Uhr ge\u00f6ffnet, aber ein Kumpel von mir und ich durften ab und zu auch auch l\u00e4nger bleiben und in der&nbsp; Plattenabteilung in neue Scheiben reinh\u00f6ren \u2013 \u00fcber Lautsprecher. Im Gegenzug gaben wir dem Verk\u00e4ufer Tipps, was so im Metalbereich&nbsp;angesagt ist.\u201d &nbsp;Jochen Schmid, ein anderer von Ingos alten Kunden, wohnt seit Jahren schon in M\u00fcnchen, schaut aber immer noch bei bei M\u00fcller vorbei, wenn er in der Gegend seine Mutter besucht. \u201cIch komme auch, wenn ich nichts brauche, einfach zum &nbsp;Plaudern. Und lerne durch Ingo immer noch neue K\u00fcnstler kennen.\u201d Der gelernte Luft und Raumfahrtingenieur hat so etwa Kurt Vile lieben gelernt. Leider sei das Sortiment im Gegensatz zu gro\u00dfen M\u00fcllerfilialen wie im M\u00fcnchner Tal \u00fcber die Jahre immer beliebiger geworden. \u201cDas macht eigentlich keinen Spa\u00df mehr\u201d, sagt der 80er-Jahre-Fan. \u201cTrotzdem: Ingo strahlt noch immer eine gro\u00dfe Herzlichkeit aus, und deshalb komme ich ihn gerne besuchen.\u201d Auch Harald Petz, ein fr\u00fcherer Stammkunde aus dem 12 Kilometer entfernten Engen, bedauert, wie sehr sich die Auswahl verkleinert hat. \u201cVor dem Erfolg der Streamingdienstewar M\u00fcller ein Riesenladen und der einzige Ort, wo ich meinen Musikhunger stillen konnte. Und jedes Mal wen ich kam, hat Ingo mich sehr gut beraten. Ich habe seine Empfehlungen oft einfach mitgenommen, denn er kannte meinen Geschmack. Und meistens waren das dann auch echte Volltreffer jenseits der Kommerzschiene. Ingo war was das anging schon der Kracher\u201d, sagt der 63-J\u00e4hrige.<\/p>\n\n\n\n<p>Ob Ingo bei all dem Lob und den erschwerten Bedingungen nicht auch mal daran gedacht hat, sich als Plattenh\u00e4ndler selbstst\u00e4ndig zu machen?\u201eEin Kumpel von mir hatte tats\u00e4chlich mal die Idee, dass wir selbst etwas aufmachen k\u00f6nnten. Ich hielt das aber schon damals f\u00fcr schwierig, aufgrund der Konkurrenz durch M\u00fcller und auch Mediamarkt. Die k\u00f6nnen eben doch andere Preise und Margen aushandeln\u201d, sagt er und f\u00fcgt l\u00e4chelnd hinzu: \u201cAu\u00dferdem bin ich nicht gerade ein risikofreudiger Typ\u201d. Er wei\u00df: In einem regul\u00e4ren Plattenladen h\u00e4tte er nicht \u00fcber Jahre diese finanzelle Stabilit\u00e4t und Kontinuit\u00e4t erleben k\u00f6nnen. Oder so etwas wie eine Karriere. Im Mai 2012 wurde er in Singen zum Abteilungsleiter ernannt, musste pl\u00f6tzlich Hemden tragen und ein Team delegieren: \u201eTagesabschluss, Laden morgens aufschliessen, Geld aus den Kassen absch\u00f6pfen und so weiter. Man ist nie fertig geworden, am Ende der Woche war ich total kaputt.\u201c W\u00e4hrend er zum ersten Mal wirklich mit seinem Job haderte, er\u00f6ffnete sich pl\u00f6tzlich ein neuer Karrierehorizont. Um das Jahr 2018 brachte ihm eines seiner Hobbys pl\u00f6tzlich Internet-Ber\u00fchmtheit ein. Seine Digitalkunstwerke, die er nach der Arbeit und am Wochenende mit dem Programm Cinema4D erstellt, trafen einen Nerv. Allein auf Instagram folgten ihm zeitweise \u00fcber 100.000 Menschen. Und auch Firmen wie Apple in Japan wurden auf ihn aufmerksam und boten ihm ein paar lukrative Auftr\u00e4ge an. \u201cEine Zeitlang hatte ich schon \u00fcberlegt, in diese Richtung zu wechseln und hatte auch schon mal geguckt, ob es Stellen im 3D-Design gibt f\u00fcr jemanden wie mich. Aber die meisten haben eher nach Leuten gesucht, die Animationen machen, zum Beispiel bei &nbsp;Werbeagenturen oder beim Film.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende blieb Ingo M\u00fcller treu, stufte seine Stunden aber von 170 auf 140 runter, was ihn wieder zum normalen Verkaufsberater machte. Nach ungef\u00e4hr drei Monaten ging ein Kollege in Elternzeit und Ingo \u00fcbernahm wieder mehr Veranwtortung .\u201cIch habe mich jetzt ganz gut damit eingependelt. Wir sind ein gutes Team hier\u201d, sagt er. Er bedauert jedoch, dass in seinem Arbeitsalltag f\u00fcr die Musik kaum noch Platz ist \u2013 sprichw\u00f6rtlich. \u201cFr\u00fcher war jede Lieferung f\u00fcr mich wie eine Wundert\u00fcte, ich war ja Verk\u00e4ufer und Kunde zugleich und selbst ebenso gespannt auf all die Neuheiten, die jede Woche eintrudelten. Auf manches freute man sich. Anderes waren positive \u00dcberraschungen und Neuentdeckungen, die man dann auch wieder weiter empfehlen konnte.\u201d Platten zu empfehlen ist heute kaum noch Teil seines Jobs. \u201cIn Zeiten von Spotify fragt fast niemand mehr nach einem Tipp vom Verk\u00e4ufer. Das erledigt der Algorithmus.\u201d Und auch im Unternehmen selbst interessiert sich kaum noch jemand f\u00fcr seine einstige Kernkompetenz. \u201cHeutzutage wird alles noch mehr zentralseitig gesteuert. Da bleibt f\u00fcr den Verk\u00e4ufer selbst nur noch wenig Einfluss. Und durch das kleinere Sortiment ist auch ein gro\u00dfes Musikwissen nicht mehr so wichtig.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Doch es gibt auch immer noch Blickblicke. \u201eF\u00fcr eine Weile kam eine junge Frau in den Laden, die nach recht speziellen Sachen gefragt hat. Die war auch dankbar f\u00fcr den einen oder anderen Tipp. Ich habe ihr zum Beispiel Alben von John Maus empfohlen.\u201c&nbsp; Leider sei sie schon l\u00e4nger nicht mehr da gewesen. \u201eVielleicht zum Studieren in eine andere Stadt gezogen\u201c.<strong>&nbsp; <\/strong>So wie ich damals.Nach dem Abi verlie\u00df ich die Gegend, zog nach Freiburg, M\u00fcnchen und schlie\u00dflich nach Berlin, wo wir uns an einem Sp\u00e4tsommertag f\u00fcr diese Geschichte treffen. Ingo wirkt mit seinen 47 Jahren jung geblieben. Die Haare tr\u00e4gt er jetzt sorgf\u00e4ltig gescheitelt, aber der coole Subkultur-Kenner blitzt noch immer durch. Zwischen meinen Fragen fachsimpeln wir \u00fcber den Zustand der Popkultur und unsere liebsten Alben der vergangenen Jahre. Wir h\u00e4tten uns eigentlich schon fr\u00fcher die B\u00e4lle so zuspielen k\u00f6nnen, denke ich. Doch dazu ist es nie gekommen. Das letzte Mal etwas bei ihm gekauft habe ich im Fr\u00fchjahr 2015. Ich hatte gerade die Wohnung meines Vaters ausger\u00e4umt, der \u00fcberraschend an einem Herzinfarkt gestorben war. Meine letzte Verbindung zur Heimat war mit seinem Tod gekappt, dachte ich. Als alles erledigt war, ging ich, kurz bevor mein Zug abfuhr, zu M\u00fcller und kaufte in einer Art Abschiedsritual \u201eCarrie und Lowell\u201c von Sufjan Stevens. Ich hatte es bis dahin vermieden, das neue Album auf einem Streamingdienst anzuh\u00f6ren, denn ich wusste, dass Stevens den Tod seiner Mutter und die Beziehung zu seinen Eltern darauf verarbeitete. Ich wollte mir f\u00fcr dieses Album Zeit nehmen, und so auch gleichzeitig Zeit f\u00fcr mich selbst. Ich erz\u00e4hlte Ingo davon \u2013 wohl das erste Mal, dass ich ihm etwas so Pers\u00f6nliches anvertraute. Ich wusste, dass er meinen Vater gekannt hatte. Auch er war bei ihm Kunde gewesen, hatte seine geliebten Boss-Hoss-CDs bei M\u00fcller gekauft. Dabei hatte er Ingo auch einmal erz\u00e4hlt, dass ich in Berlin ein Volontariat als Musikjournalist angefangen hatte. Ich h\u00e4tte nicht stolzer sein k\u00f6nnen und hoffte insgeheim, dass Ingo ahnte, dass auch er einen Anteil an meiner Liebe zur Musik gehabt hatte. Als er mir behutsam die Platte \u00fcber die Theke schob, sagte er respekt-und piet\u00e4tvoll: \u201eKomm immer gerne hier vorbei, wenn du in der Gegend bist. Das w\u00fcrde mich sehr freuen.\u201c Ingos Sinn f\u00fcr guten Geschmack galt eben immer auch f\u00fcr das Zwischenmenschliche.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Besonders auf dem Land waren die Medienabteilungen der Kette Drogeriemarkt M\u00fcller lange der einzige Zufluchtsort fu\u0308r Musikfans. Und manchmal wurde hier neben Haushaltswaren und Beauty-Produkten auch echte Plattenh\u00e4ndler-Expertise an die Kunden gebracht. So etwa in Singen am Hohentwiel, einer su\u0308ddeutschen Kleinstadt, in der ein besonders engagierter Verkaufsberater unserem Autor Fabian Peltsch einst den Zugang zur gro\u00dfen, weiten Welt der Popkultur er\u00f6ffnet hat. 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