{"id":882,"date":"2025-03-16T10:16:24","date_gmt":"2025-03-16T09:16:24","guid":{"rendered":"https:\/\/fabianpeltsch.com\/?p=882"},"modified":"2025-03-16T10:33:02","modified_gmt":"2025-03-16T09:33:02","slug":"ort-der-vielfalt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/fabianpeltsch.com\/en\/2025\/03\/16\/ort-der-vielfalt\/","title":{"rendered":"Ort der Vielfalt"},"content":{"rendered":"<h1 class=\"wp-block-heading\">Ort der Vielfalt<\/h1>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/fabianpeltsch.com\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/6c4443ae-3637-49d3-8168-ab933e5fa456-1-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-885\" srcset=\"https:\/\/fabianpeltsch.com\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/6c4443ae-3637-49d3-8168-ab933e5fa456-1-980x735.jpg 980w, https:\/\/fabianpeltsch.com\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/6c4443ae-3637-49d3-8168-ab933e5fa456-1-480x360.jpg 480w\" sizes=\"(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) and (max-width: 980px) 980px, (min-width: 981px) 1024px, 100vw\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Zwei Freunde, ein Europ\u00e4er und ein Namibier, vereinen im einzigen Plattenladen Namibias ihre Leidenschaft f\u00fcr Vinyl. \u201cBroken Records\u201d soll ein Begegnungsort jenseits von Hautfarben und gesellschaftlichen Gr\u00e4ben sein. Hier findet man alles, von Grindcore aus Japan bis zu afrikanischen Klassikern \u2013 und die einzige neue Platte einer lokalen K\u00fcnstlerin seit vielen Jahrzehnten.&nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Namibia sei \u201eAfrika f\u00fcr Anf\u00e4nger\u201c h\u00f6rt man Touristen gerne sagen. Kaum ein anderes Land auf dem Kontinent biete eine derart gute Infrastruktur, um auf eigene Faust die Nationalparks und K\u00fcsten zu erkunden. Das einst von Deutschen kolonisierte Land gilt als sicher und sauber. Und tats\u00e4chlich: Wenn man von Lodge zu Lodge, von Campingplatz zu Campingplatz f\u00e4hrt, f\u00fchlt man sich irgendwann wie in einem riesigen Abenteuerpark f\u00fcr Touristen. Der schwarzen Mehrheit des Landes begegnet man dabei vor allem als Angestellten an Rezeptionen und in Restaurants. Man muss sich schon bem\u00fchen, um mit ihrer Lebensrealit\u00e4t in Ber\u00fchrung zu kommen, zum Beispiel mit einem Ausflug in die Townships von Katutura in der Hauptstadt Windhoek.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Sprache der lokalen Herero-Volksgruppe bedeutet Katutura so viel wie \u201eder Ort, an dem wir nicht leben m\u00f6chten\u201d. In den 50er-Jahren wurde die schwarze Bev\u00f6lkerung hierhin abgeschoben. Wie im eigenen Land setzte die damalige s\u00fcdafrikanische Mandatsmacht in Namibia eine strenge Rassentrennung durch \u2013 und wie in S\u00fcdafrika wurde auch in Namibia scharf geschossen, wenn sich dagegen Widerstand regte. Heute ist Katutura l\u00e4ngst kein reiner Armutsbezirk einer unterdr\u00fcckten Mehrheit mehr, aber er legt noch immer die Gr\u00e4ben offen, die durch die vielen Jahre der Apartheidpolitik entstanden sind. Katutura ist gesch\u00e4ftig, jung, laut und schwarz, und damit ein Kontrast zur Altstadt, wo ein Gro\u00dfteil der wei\u00dfen Bev\u00f6lkerung lebt und sich noch immer der meiste Tourismus abspielt. Dort f\u00fchlt man sich aufgrund der vielen Kameras und der mit Stacheldraht bewehrten Hausmauern mitunter wie in einem nicht enden wollenden Botschaftsviertel. Auch wenn die von den S\u00fcdafrikanern aufoktroyierte Apartheidpolitik offiziell abgeschafft ist, und man sich um ein faires Zusammenleben bem\u00fcht, sind die \u00f6konomischen Realit\u00e4ten doch noch immer vom Erbe dieser Zeit gepr\u00e4gt. Von den rund drei Millionen Einwohnern Namibias sind nur rund f\u00fcnf Prozent wei\u00df \u2013 und doch verf\u00fcgen diese in der Regel \u00fcber ein h\u00f6heres Einkommen, mehr Verm\u00f6gen und gr\u00f6\u00dferen Landbesitz als die schwarze Bev\u00f6lkerung, von der laut Weltbank fast ein F\u00fcnftel chronisch unterern\u00e4hrt ist.&nbsp; Vielleicht auch, um nicht allzu oft mit diesen Fakten konfrontiert zu werden, bleibt man als Teil der jeweiligen Community eher unter sich. \u201eDas Land ist immer noch ziemlich gespalten. Niemand sagt es laut, aber so ist es\u201c, sagt der Finne Pietsu Arikka, der in Namibia eine neue Heimat gefunden hat. Zusammen mit seinem Freund und Gesch\u00e4ftspartner Jerome Mwedihanga betreibt er den einzigen Plattenladen des Landes, der gleichzeitig auch einer der wenigen Orte ist, an dem Menschen ungeachtet ihrer Hautfarbe auf Augenh\u00f6he zusammenkommen. \u201eBroken Records\u201c liegt im gepflegten Zentrum der Hauptstadt Windhoek, und ist allein schon deshalb ein kultureller Ausrei\u00dfer. Um den Laden zu finden, muss man zun\u00e4chst den Zoo-Park durchqueren, eine der wenigen Gr\u00fcnfl\u00e4chen der Stadt. In unmittelbarer N\u00e4he befindet sich auch das wahnwitzige Independence Memorial Museum, das ausgerechnet eine nordkoreanische Firma errichtet hat. Wo fr\u00fcher eine Reiterstatue der deutschen Kolonialherren thronte, gr\u00fc\u00dft nun Sam Nujoma, der erste Pr\u00e4sident Namibias, als Statue im Stil des sozialistischen Realismus. Man merkt: Die Einfl\u00fcsse, die sich im Land nach der Unabh\u00e4ngigkeit im Jahr 1990 breit machen konnten, sind vielf\u00e4ltig und durchaus umstritten.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eBroken Records\u201c befindet sich im ersten Stock \u00fcber einem Restaurant. Hat man die enge Treppe hinter sich gelassen, f\u00fchlt man sich direkt, als w\u00e4re man in die Kulisse der TinyDesk-Konzerte gestolpert. An den W\u00e4nden stapeln sich B\u00fccher, Kassetten, CDs und Platten. Dazwischen sind auf Holzpaletten Kofferradios, Vintage-Instrumente, R\u00f6hrenfernseher und Plattenspieler drapiert. Es ist die pers\u00f6nliche Sammlung von Jerome. Der hauptberuflich als IT-Experte t\u00e4tige Namibier hatten den Laden im Jahr 2020 zun\u00e4chst als Caf\u00e9-Bar er\u00f6ffnet. \u201eVinyls\u201c, so der Name des Gesamtkonzepts, war als \u201ePlatz f\u00fcr die Community\u201c gedacht, w\u00e4hrend das \u00f6ffentliche Leben in der Corona-Unsicherheit zum Stehen gekommen war. An f\u00fcnf Tischen kann man noch immer trinken, arbeiten, Spiele spielen oder einfach abh\u00e4ngen. In der Mitte des Raums befindet sich eine kleine B\u00fchne, wo regelm\u00e4\u00dfig DJ-Gigs und Comedy-Shows stattfinden. Die Platten, die man im Gegensatz zur Inneneinrichtung aus Jeromes Privatsammlung tats\u00e4chlich kaufen kann, sind in mehreren Regalen \u00fcber den Raum verteilt. Sie bilden \u201eBroken Records\u201c: \u201eNeuheiten\u201c, \u201eHiphop\u201c, \u201eCompilations\u201c, \u201ePop\u201c, \u201eRock\u201c und noch einiges mehr, wobei \u201eWorld\u201c und \u201eAfrican\u201c hier nat\u00fcrlich strikt getrennt sind.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend der Corona-Zeit kam auch Pietsu regelm\u00e4\u00dfig in Jeromes \u201eVinyls\u201c-Caf\u00e9. Den 28-J\u00e4hrigen hatte es zum Studium nach Tansania verschlagen. Als die Pandemie ausbrach, kam er nach Namibia um in Ruhe an seiner Master-Arbeit zu schreiben und nebenbei zu surfen \u2013 das Land ist wegen seiner langen K\u00fcstenlinie und den stabilen Wellen eines der beliebtesten Surfziele Afrikas. \u201eNun bin ich schon vier Jahre hier und habe nicht vor, so schnell wieder wegzuziehen\u201c sagt der Blondschopf, der bereits als Elfj\u00e4hriger Platten sammelte und weltweit als House-und Disco-DJ unterwegs ist. \u201eEs war wie ein Wohnzimmer, voller netter Menschen und guter Musik.\u201c In einer Zigarettenpause vor der T\u00fcr lernte er dann den Besitzer n\u00e4her kennen. \u201eIch bettelte Jerome an, dass er mit einige St\u00fccke seiner Sammlung aus dem Caf\u00e9 verkauft\u201c, erinnert sich der Vinyl-Nerd. \u201eAber Jerome antwortete immer: \u201e<em>That\u2018s not going to happen.<\/em> Und du bist \u00fcbrigens nicht der erste, der mich danach fragt.\u201c Beide lachen, als sie sich an ihre erste richtige Begegnung erinnern. Aus ihrer gemeinsamen Sammelleidenschaft entstand schlie\u00dflich die Idee, selbst Musik auf Vinyl zu verkaufen. Doch statt einfach ausgew\u00e4hlte St\u00fccke aus der Inneneinrichtung zu ver\u00e4u\u00dfern, beschlossen die beiden, ein ganz neues Sortiment anzulegen. Ihre Temperamente \u2013 der ruhige Planer Jerome und der extrovertierte Netzwerker Pietsu \u2013 passten dabei auf Anhieb zusammen. \u201eIch habe die Leidenschaft und Jerome wei\u00df, in welche Bahnen man sie lenken muss, damit es auch funktioniert\u201d, sagt Pietsu. Er reist regelm\u00e4\u00dfig ins Ausland, um nach Platten f\u00fcr den Laden zu graben \u2013 dank seines Passes steht ihm die Welt ein bisschen offener als dem in der N\u00e4he von Windhoek aufgewachsenen Jerome \u2013 auch das ein Erbe ungleicher Privilegien. Der Laden bleibe am Ende dennoch&nbsp; \u201eJeromes Baby\u201d, betont Pietsu. \u201eEr hatte die Idee, hier was aufzumachen und er wei\u00df auch besser, wie man die Sachen hier angeht und zum Laufen bringt. Ich f\u00fchle mich daneben oft wie ein Teenager, der einfach nur auf Musik abf\u00e4hrt.\u201d Ganz so viel Bescheidenheit will Jerome nicht gelten lassen. \u201ePietsu war das i-T\u00fcpfelchen f\u00fcr die ganze Sache und ich w\u00e4re auch nicht so weit gekommen ohne ihn\u201d, sagt er bestimmt. \u201eBroken Records\u201d geh\u00f6rt heute beiden zu 50 Prozent. Und das ist in Namibia wie gesagt noch immer ungew\u00f6hnlich. \u201eManche Leute kommen hier rein und denken, ich sei nur der Manager und dass der Laden einem Wei\u00dfen geh\u00f6rt\u201d, sagt Jerome. F\u00fcr ihn sind rassistische Vorurteile im Gesch\u00e4ftsleben seit vielen Jahren Alltag. F\u00fcr den Finnen Pietsu eher nicht. \u201eSolche Sachen machen mich rasend\u201d, sagt er. \u201eIch m\u00f6chte diesen Leuten entgegenschreien: Ich bin nur ein Teenager! Ich wei\u00df einen Schei\u00df!\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Namibia sei das zweitungleichste Land der Welt hinter S\u00fcdafrika, f\u00fchrt Pietsu weiter aus. Daher begegne man leider t\u00e4glich sozialer Ungleichheit. \u201eNamibier sind stark gespalten, und es ist leicht, in einer Art Blase zu leben.\u201d Unterschiedliche Lebensstile und Lebensbedingungen verschiedener Gruppen blieben f\u00fcr die andere Seite oft unsichtbar. Auch deshalb soll \u201eVinyls\u201d und \u201eBroken Records\u201d einer jener \u201eseltenen Treffpunkte\u201d sein, an dem Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten zusammenkommen, um ihr Interesse an Musik, Poesie, Kunst und mehr zu teilen. \u201eEs gibt nicht viele Orte wie unseren, wo sich alle diese Menschen begegnen. Darauf sind wir wirklich stolz. Es ist au\u00dferdem einer der wenigen R\u00e4ume in Namibia, in denen die LGBTQ-Community willkommen ist und sich sicher f\u00fchlt.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Musikalisch konzentrieren sich die beiden in ihrem Laden vor allem auf ihre Lieblingsstile Soul, Funk und Hiphop, es finden sich aber auch Platten anderer Genres in den Regalen, von Johnny Cash \u00fcber Metallica bis hin zu japanischem Grindcore, den Pietsu von einer Tokio-Reise mitgebracht hat. \u201eWir haben auch einige private Kontakte in Sambia, Nigeria, Benin und Kenia, um an Platten zu kommen\u201d, erkl\u00e4rt Jerome. Denn: Auf ganz Afrika bezogen, sei die Zahl der Plattenl\u00e4den verschwindend gering. \u201eEs gibt nur versprengte Einzelt\u00e4ter in den meisten L\u00e4ndern \u2013 das ist wenig und an sich sehr erstaunlich, wenn man bedenkt, wie viel gute Musik aus Afrika kam und noch immer kommt und wie viele Platten noch immer im Umlauf sind\u201d.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch Mund zu Mund-Propaganda, nehmen auch immer wieder Namibier mit den beiden Kontakt auf, die Sammlungen geerbt haben und nicht wissen, was sie damit anfangen sollen. \u201eSie haben die Platten vielleicht von der Gro\u00dfmutter geerbt oder in irgendeiner Garage in alten Kisten gefunden\u201d, sagt Jerome. \u201eWenn ich vorbekomme, sage ich oft: Hast du eine Ahnung, wieviel das Zeug wert ist? Viele k\u00f6nnen erst gar nicht glauben, dass es \u00fcberhaupt noch Menschen auf der Welt gibt, die diese Dinger noch abspielen k\u00f6nnen und auch abspielen wollen.\u201d Er lacht. \u201eEiner sagte sogar: \u201aIch kann es nicht fassen, ich muss meine Kinder bei euch vorbeischicken, die m\u00fcssen sich das ansehen.\u2019\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Durch ihr Netzwerk sto\u00dfen die beiden dabei immer wieder auf echte Juwelen, etwa Klassiker und Erstpressungen von K\u00fcnstlern wie Fela Kuti oder Papa Wemba, dem \u201eK\u00f6nig des kongolesischen Rumba\u201c. \u201eWer sie kaufen will, muss aber bei uns vorbeikommen\u201d, betont Jerome. Einen Discogs-Shop unterh\u00e4lt \u201eBroken Records\u201c nicht und es ist auch keiner geplant. \u201eEs geht uns darum, die Community vor Ort zu st\u00e4rken und zu vergr\u00f6\u00dfern. Und die hat nichts davon, wenn die Platten nach Europa verschwinden.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich ist nicht jeder Gl\u00fccksfund in einwandfreiem Zustand, erg\u00e4nzt sein Gesch\u00e4ftspartner. \u201eManchmal sind von 100 Platten 60 zerkratzt. Manchmal sind aber auch 95 perfekt, und nur f\u00fcnf in schlechtem Zustand.\u201d Ein Problem sei der in Namibia allgegenw\u00e4rtige W\u00fcstensand, der sich seinen Weg nicht nur in H\u00e4user und Schuhe, sondern auch in die Platenh\u00fcllen bahnt. Um dem vorzubeugen, haben viele Sammler ihre Platten fr\u00fcher von oben bis unten mit Tape zugeklebt. \u201eDiese Platten verkaufen wir eher selten\u201d, sagt Pietsu. Besonders gut weg geht dagegen neuer und neu aufgelegter Hiphop, von Tyler, The Creator bis zu Oldschool-Klassikern aus den 90er-Jahren wie Ice Cube. \u201eAm Ende des Monats, wenn die Leute ihr Gehalt bekommen, gehen aber auch die Sammler-St\u00fccke weg, zum Beispiel alte Platten aus Nigeria.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Ihre wichtigste Quelle, um an Tontr\u00e4ger zu gelangen, ist jedoch bis heute das Nachbarland S\u00fcdafrika. Neben der Afrobeat-Nation Nigeria hat kein anderes afrikanisches Land eine so gut ausgebaute Musikindustrie. In St\u00e4dten wie Kapstadt und Johannesburg gibt es zahlreiche Plattenl\u00e4den und Sammler, Labels, Vinyl-DJs und Konzerthallen, in denen auch internationale Stars Halt machen \u2013 ganz im Gegensatz zu Namibia, wo alle paar Jahre allenfalls mal Gassenhauer wie Heino und Scooter die kaufkr\u00e4ftigere deutschsprachige Minderheit bespa\u00dfen. \u201eS\u00fcdafrika ist auf einem komplett anderen Level. Der Markt ist vergleichsweise riesig\u201d, sagt Pietsu, der regelm\u00e4\u00dfig nach \u201eK-Town\u201d und \u201eJo&#8217;burg\u201d f\u00e4hrt, um zu diggen und selbst aufzulegen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>S\u00fcdafrika war von 1915 bis 1990 die herrschende Mandatsmacht in Namibia. Die Wirtschaft der beiden L\u00e4nder ist bis heute eng verzahnt. S\u00fcdafrikanische Unternehmen halten gro\u00dfe Anteile in den Schl\u00fcsselindustrien, etwa im Bergbau oder dem Bank- und Versicherungswesen. Und der Rand aus S\u00fcdafrika ist neben dem Namibia-Dollar das g\u00e4ngige Zahlungsmittel.&nbsp; Was die Musikindustrie angeht, hat der s\u00fcdafrikanische Einfluss jedoch kaum abgef\u00e4rbt (<em>leider<\/em> <em>abgesehen von der dortigen Rassentrennung, siehe Kasten)<\/em>. Es gibt in Namibia keine einflussreichen Plattenlabels, kaum Aufnahmestudios und auch keine ma\u00dfgebliche Vertriebsstruktur f\u00fcr Musiker. Dabei mangele es keinesfalls an spannenden K\u00fcnstlern, sagen Pietsu und Jerome und nennen zum Beispiel den Reggae-Songwriter Ras Sheehama oder die Band 4X4 Too Much Power, die traditionelle und moderne afrikanische Stile wie Kwasa Kwasa und Kwaito miteinander vermischt und \u201elive die Bombe\u201c ist. \u201eEs gibt so viel Potenzial in diesem Land. Alles ist noch frisch. Es gibt Raves in der W\u00fcste und sogar eine Drum-and-Bass-Szene. Aber jemand muss etwas aus dem Underground machen, die Szenen vorantreiben. Was wir hier mit \u201eBroken Records\u201c tun sind nur die ersten Schritte.\u201d Ihr Laden, das klingt immer wieder an, hat eine Mission. Die beiden Besitzer planen, in Zukunft ein eigenes Plattenlabel anzudocken und auch Wiederver\u00f6ffentlichungen von klassischen namibischen K\u00fcnstlern aufzulegen, die bislang nur auf Kassette erschienen sind. \u201eEs gibt eine Menge gro\u00dfartiger Musik hier, die niemand kennt. Und die soll nicht einfach verstauben\u201d, sagt Jerome. Mit einer jungen lokalen K\u00fcnstlerin arbeiten sie bereits eng zusammen: Chantell \/Uiras alias Diolini stammt aus der einst von deutschen Kolonisten gegr\u00fcndeten K\u00fcstenstadt Swakopmund, lebt aber mittlerweile ebenfalls in der Hauptstadt Windhoek. Zusammen mit ihrem Produzenten Eric Nengola AKA Kid Wasabi, ist sie regelm\u00e4\u00dfiger Gast bei \u201eVinyls\u201c und \u201eBroken Records\u201c. \u201cWir gehen nicht oft aus, aber wenn, dann gehen wir dort hin. Der Vibe ist wirklich cool, und man kann nebenher noch Platten kaufen\u201d, sagt die Neo-Soul-S\u00e4ngerin, die Minnie Riperton und Erykah Badu zu ihren Haupteinfl\u00fcssen z\u00e4hlt. Ihr letztes Album hat Diolini exklusiv auf Vinyl ver\u00f6ffentlicht \u2013 ein absolutes Novum in Namibia. Es ist die erste Schallplatte einer weiblichen namibischen K\u00fcnstlerin f\u00fcr mehrere Jahrzehnte und die erste, die jemals auf transparentem Vinyl erschienen ist. Was hat sie dazu bewogen, diesen Aufwand auf sich zu nehmen, in einem Land, das keine Presswerke und keine Vinyl-Infrastruktur besitzt?&nbsp; \u201eWir wollten ausschlie\u00dflich auf Vinyl ver\u00f6ffentlichen, weil wir die Auszahlungsstruktur von Streaming-Plattformen nicht m\u00f6gen\u201d, antwortet Diolini. Ihr musikalischer Partner nickt:&nbsp; \u201eAu\u00dferdem fanden wir, dass das Album wertvoll ist, und eine Ver\u00f6ffentlichung auf Vinyl den Wert f\u00fcr uns am besten widerspiegeln w\u00fcrde.\u201d \u201eButterfly Echoes\u201d, so der Albumtitel, ist streng limitiert. Gerade Mal 30 St\u00fcck wurden hergestellt, was sich dementsprechend im Preis widerspiegelt. Bei \u201eBroken Records\u201c bekommt man die letzten Exemplare f\u00fcr umgerechnet 60 Euro, wobei der Erl\u00f6s vollst\u00e4ndig an die beiden K\u00fcnstler geht. Gepresst wurde die Platte in Finnland. Eric, der seit Jahren Vinyl sammelt und vor allem zum Sampling benutzt, hatte den Kontakt nach Helsinki bereits f\u00fcr ein fr\u00fcheres Projekt hergestellt. Und Pietsu brachte die Platten dann Anfang 2024 von einer Heimatreise mit nach Namibia. \u201cDer Versand aus Europa ist sehr, sehr teuer, also habe ich sie einfach in mein Gep\u00e4ck gesteckt.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Ihnen allen kommt zugute, dass es in Namibia wie vielerorts in der Welt einen Trend zu Vintage-Ware gibt. Retro-Kleider und alte Kameras sind schon jetzt Distinktionsmerkmale hipper junger Namibier aus der Mittel-und Oberschicht. Mehr und mehr Anklang findet bei ihnen auch Vinyl, sagt Eric. \u201eIch glaube, dass die j\u00fcngere Generation die W\u00e4rme, Authentizit\u00e4t und Nostalgie analoger Formate wie Vinyl in Zukunft noch mehr zu sch\u00e4tzen wissen wird.\u201d In den \u00fcblichen Second-Hand-L\u00e4den wie \u201eCash Converters\u201d st\u00f6\u00dft man jedoch, wenn \u00fcberhaupt, auf wenig brauchbares, und aufgrund der deutschen Vergangenheit obendrein auch immer wieder auf Marschmusikplatten und Best-Of-Alben von James Last: nicht die Art von Retro-Nostalgie, die man einem jungen Vinyl-Fan aus Namibia empfehlen m\u00f6chte.<\/p>\n\n\n\n<p>Weil viele der G\u00e4ste von \u201eBroken Records\u201c sich zwar f\u00fcr Platten interessieren, aber oft kein Ger\u00e4t haben, um sie abzuspielen, bieten Pietsu und Jerome auch eine kleine Auswahl aus S\u00fcdafrika importierter Plattenspieler an \u2013 zusammen mit Workshops, wie man sie benutzt. \u201eIn den Workshops, die wir veranstalten, konzentrieren wir uns auf alle Aspekte der Vinylkultur, von Pressungen \u00fcber DJing bis hin zu allem dazwischen\u201d, sagt Pietsu. Ihr Ziel sei einen Raum und eine Plattform f\u00fcr Sammler, Schallplattenliebhaber und DJs zu schaffen \u2013 eine Community heranzuziehen, die praktischerweise auch gleich noch die potenzielle Kundschaft bildet. \u201eViele junge Menschen sind ohne dieses Wissen aufgewachsen, weil die Eltern entweder nie einen Plattenspieler hatten oder ihn irgendwann weggeschmissen haben. Wir versuchen also wirklich, eine ganze Kultur wiederzubeleben\u201d, sagt Jerome. Auch die in Windhoek omnipr\u00e4senten M\u00f6belgesch\u00e4fte h\u00e4tten mittlerweile angefangen, Vinylplayer ins Sortiment aufzunehmen. \u201eAber Platten verkaufen die nicht. Deshalb lasse ich ihnen immer meine Karte da, wenn ich so etwas sehe\u201d, lacht Jerome. Auch wenn die Verk\u00e4ufe von Monat zu Monat steigen, wollen die beiden \u201eBroken Records\u201c nicht komplett in einen eigenen Laden auslagern. Das System aus Caf\u00e9, Bar und Vinyl-Shop soll bestehen bleiben. \u201eWir m\u00f6chten, dass auch Leute, die nicht auf Vinyl stehen, hier zwischen den Schallplatten chillen k\u00f6nnen.\u201c Dass seine pers\u00f6nliche Sammlung und das Sortiment von \u201eBroken Records\u201c inmitten der Bar fast ineinander \u00fcbergehen, sei \u00fcbrigens nie ein Problem gewesen, versichert Jerome. \u201eDie Aufbewahrung meiner Sammlung dort ist sicher, weil die G\u00e4ste den Wert unserer Arbeit sch\u00e4tzen und uns unterst\u00fctzen. Niemand aus der Community bestiehlt uns. Man bei\u00dft nicht die Hand, die einen f\u00fcttert.\u201d<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">KASTEN: S\u00fcdafrika und die Apartheid in der Popkultur<\/h2>\n\n\n\n<p>Nach der Niederlage des Deutschen Kaiserreichs im Ersten Weltkrieg wurde Namibia, damals Deutsch-S\u00fcdwestafrika, 1919 als V\u00f6lkerbundmandat unter die Verwaltung S\u00fcdafrikas gestellt. S\u00fcdafrika behielt das Gebiet auch nach der Aufl\u00f6sung des V\u00f6lkerbundes unter Kontrolle. W\u00e4hrend der umstrittenen 75-j\u00e4hrigen Herrschaft institutionalisierte die Regierung in Namibia ihr rassistisches Apartheid-System. Das hatte auch Auswirkungen auf die Popkultur. Wei\u00dfe Musiker hatten Zugang zu besseren Aufnahme- und Auff\u00fchrungsm\u00f6glichkeiten sowie zu den Ressourcen der s\u00fcdafrikanischen Musikindustrie. Im staatlichen Radio h\u00f6rte man Rock und Pop zun\u00e4chst nur, wenn er von Wei\u00dfen interpretiert wurde. So brachten US-amerikanische Musiker wie Jerry Lee Lewis und Elvis Presley den Blues, eine Musik der Versklavten und Entrechteten, quasi wei\u00dfgewaschen auf ihren Heimatkontinent zur\u00fcck. Die Zensur blieb auch w\u00e4hrend der 60er- und 70er-Jahre strikt. Die Beh\u00f6rden waren sich wohl bewusst, welche Rolle speziell die Rockmusik f\u00fcr die Civil Rights Bewegung in den USA spielte und dass sie die Kraft hatte, schwarze und wei\u00dfe Jugendbewegungen einander n\u00e4her zu bringen. Selbst Stars wie Stevie Wonder oder John Lennon wurden ge\u00e4chtet, weil sie die Apartheid kritisierten oder f\u00fcr die Freiheit Nelson Mandelas eintraten. Im Laufe der 80er-Jahre fanden dennoch viele internationale, auch von schwarzen Musikern initiierte Popkultur-Trends den Weg nach S\u00fcdafrika und teilweise auch nach Namibia. Die Musikindustrie blieb aber gr\u00f6\u00dftenteils in \u201cwei\u00dfe&#8220; und &#8222;schwarze&#8220; Sph\u00e4ren geteilt. Der Markt schwarzer Zuh\u00f6rer wurde teilweise mit 78-U\/min-Schallplatten bedient, die speziell f\u00fcr batteriebetriebene Plattenspieler entwickelt wurden. Solche Ger\u00e4te waren in den Townships und sogenannten informellen Siedlungen verbreitet, in denen Elektrizit\u00e4t oft nicht durchgehend verf\u00fcgbar war.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn sich viele Bands in S\u00fcdafrika gegen die Rassentrennung aussprachen, wagten nur wenige Musiker die Grenzen wirklich zu verwischen. Zu ihnen z\u00e4hlten zum Beispiel das elfk\u00f6pfige Jazz-Pop-Kollektiv Mango Groove, die von John Peel verehrte Punk-Band National Wake oder der 2019 verstorbene Pop-Songwriter Johnny Clegg, der als \u201eder wei\u00dfe Zulu\u201c bekannt war, weil er nicht nur mit Musikern dieser Minderheit auf Augenh\u00f6he zusammenarbeitete, sondern auch in ihrer Sprache sang. Selbst 23 Jahre nach dem Ende der Apartheid sind \u201cgemischte\u201d Bands in der Region noch immer eine Seltenheit. Eine Ausnahme bildet etwa die Band John Wizards aus Kapstadt: \u201eAfrika ist schwarz und wei\u00df, doch die Menschen tun so, als w\u00e4re es nicht normal, dass Schwarze und Wei\u00dfe gemeinsam Musik machen. Wir zeigen der Welt, dass Afrika f\u00fcr Einheit steht\u201c, erkl\u00e4rt deren S\u00e4nger Emmanuel Nzaramba.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwei Freunde, ein Europ\u00e4er und ein Namibier, vereinen im einzigen Plattenladen Namibias ihre Leidenschaft f\u00fcr Vinyl. \u201cBroken Records\u201d soll ein Begegnungsort jenseits von Hautfarben und gesellschaftlichen Gr\u00e4ben sein. Hier findet man alles, von Grindcore aus Japan bis zu afrikanischen Klassikern \u2013 und die einzige neue Platte einer lokalen K\u00fcnstlerin seit vielen Jahrzehnten.\u00a0<\/p>\n<p>(Erschienen im Mint Magazin)<\/p>","protected":false},"author":1,"featured_media":883,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_et_pb_use_builder":"off","_et_pb_old_content":"","_et_gb_content_width":"","footnotes":""},"categories":[11,9],"tags":[],"class_list":["post-882","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-ausgewaehlte-texte","category-global-pop"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/fabianpeltsch.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/882","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/fabianpeltsch.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/fabianpeltsch.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/fabianpeltsch.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/fabianpeltsch.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=882"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/fabianpeltsch.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/882\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":898,"href":"https:\/\/fabianpeltsch.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/882\/revisions\/898"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/fabianpeltsch.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/883"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/fabianpeltsch.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=882"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/fabianpeltsch.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=882"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/fabianpeltsch.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=882"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}