{"id":888,"date":"2025-03-16T10:22:52","date_gmt":"2025-03-16T09:22:52","guid":{"rendered":"https:\/\/fabianpeltsch.com\/?p=888"},"modified":"2025-03-16T10:32:13","modified_gmt":"2025-03-16T09:32:13","slug":"erinnerungsluecke-weshalb-chinas-kuenstler-corona-nicht-verarbeiten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/fabianpeltsch.com\/en\/2025\/03\/16\/erinnerungsluecke-weshalb-chinas-kuenstler-corona-nicht-verarbeiten\/","title":{"rendered":"Erinnerungsl\u00fccke: Weshalb Chinas K\u00fcnstler Corona nicht verarbeiten"},"content":{"rendered":"<h1 class=\"wp-block-heading\">Erinnerungsl\u00fccke: Weshalb Chinas K\u00fcnstler Corona nicht verarbeiten<\/h1>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"576\" src=\"https:\/\/fabianpeltsch.com\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Caught_by_the_Tides-2-1024x576.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-891\" srcset=\"https:\/\/fabianpeltsch.com\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Caught_by_the_Tides-2-980x551.jpg 980w, https:\/\/fabianpeltsch.com\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Caught_by_the_Tides-2-480x270.jpg 480w\" sizes=\"(min-width: 0px) and (max-width: 480px) 480px, (min-width: 481px) and (max-width: 980px) 980px, (min-width: 981px) 1024px, 100vw\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Zwei der wichtigsten Regisseure Chinas, Jia Zhangke und Lou Ye, haben in ihren letzten Filmen die Corona-Zeit in ihrer Heimat zum Thema gemacht.<\/strong>&nbsp;In Jia Zhangkes \u201eCaught By The Tides\u201c fungiert sie als tristes Hintergrundrauschen, w\u00e4hrend die schwierige, langj\u00e4hrige Liebesgeschichte der zwei Protagonisten endg\u00fcltig zu Ende geht \u2013 eine Liebesgeschichte, deren Anfang sicher nicht zuf\u00e4llig mit dem Beginn der chinesischen Reform\u00e4ra zusammenf\u00e4llt. Covid wird zur Z\u00e4sur, zum Ende der Hoffnung, dass es wieder besser werden wird.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Lou Yes \u201eAn Unfinished Film\u201c ist eine Art visuelles Covid-Tagebuch, das die Grenzen zwischen Spiel- und Dokumentarfilm verwischt<\/strong>&nbsp;\u2013 wie um zu fragen: Was ist damals wirklich passiert, und wer hat die Deutungshoheit dar\u00fcber, wie man sich an diese Zeit erinnern darf? Offensichtlich nicht der Filmemacher selbst: Lou Yes Film, der in Taiwan mit dem Golden Horse Award f\u00fcr \u201eBest Narrative Feature\u201c und \u201eBest Director\u201c ausgezeichnet wurde, darf in China nicht gezeigt werden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Jia Zhangke und Lou Ye geh\u00f6ren der sogenannten \u201eSechsten Generation\u201c chinesischer Filmemacher an, die in den 1990er-Jahren erstmals ins Rampenlicht trat<\/strong>. Ihre realistischen Filmwerke werden immer noch&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.sixthtone.com\/news\/1011264\">hochgehandelt<\/a>, wenn es darum geht, das China der Gegenwart ungesch\u00f6nt zu zeigen und Lehren aus den j\u00fcngsten Entwicklungen zu ziehen. Jia Zhangke und Lou Ye sind bislang die bekanntesten K\u00fcnstler, die sich in der R\u00fcckschau mit der Corona-Zeit und den Zero-Covid-Ma\u00dfnahmen auseinandersetzen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Einfach anzupacken ist das Pandemie-Sujet nicht.&nbsp;<\/strong>Die offizielle Lesart ist noch immer, dass China alles richtig gemacht und als einziges Land die Pandemie effektiv einged\u00e4mmt hat, wozu auch die sogenannte \u201epro-aktive Anpassung\u201c im Dezember 2022 z\u00e4hlte, bei der die drakonische Null-Covid-Politik pl\u00f6tzlich beendet wurde. Werke, die die offizielle Version auch nur milde infrage stellen, sind nicht erw\u00fcnscht. \u201eDie Erz\u00e4hlung des Kampfes gegen die Pandemie darf nicht durch L\u00fcgen fehlgeleitet oder befleckt werden, sondern muss das richtige kollektive Ged\u00e4chtnis der Menschheit bewahren\u201c, brachte Vize-Au\u00dfenministerin Hua Chunying die chinesische Erinnerungskultur auf den Punkt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eViele Menschen in China wollen tats\u00e4chlich nicht mehr an diese Zeit erinnert werden\u201c,&nbsp;sagt Michael Kahn-Ackermann im Gespr\u00e4ch mit&nbsp;<em>Table.Briefings<\/em>.<\/strong>&nbsp;Der langj\u00e4hrige China-Kenner und Gr\u00fcndungsdirektor des Goethe-Instituts in Peking erlebte die Corona-Zeit selbst in Nanjing \u2013 einer Stadt, in der die Null-Covid-Ma\u00dfnahmen \u201enicht so brutal und r\u00fccksichtslos durchgesetzt wurden wie etwa in Peking, Shanghai, Wuhan oder Xi\u2019an\u201c, wie er sich erinnert. Gerade in diesen St\u00e4dten s\u00e4\u00dfen die Ereignisse \u201enoch immer vielen in den Knochen\u201c, sagt er. \u201eDie Menschen haben nicht mehr die Erwartung: Wenn ich alles richtig mache und mich ordentlich anstrenge, dann habe ich eine gute Zukunft vor mir. F\u00fcr viele war das wie ein Naturgesetz \u2013 und pl\u00f6tzlich gilt es nicht mehr. Das ist ein zentraler Bestandteil des Post-Covid-Traumas.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der Exil-Autor Ming Shi best\u00e4tigt: \u201eDie Covid-Pandemie war die erste Katastrophe, bei der sich die chinesische Mittelschicht als \u201aGanzes&#8216; ohnm\u00e4chtig f\u00fchlte<\/strong>. Weder ihr Geld, noch ihre Verbindung nach oben konnten sie vor der Katastrophe bewahren.\u201c Privat spreche man noch immer \u00fcber den Schmerz, die Wut, die \u00c4ngste und Entbehrungen dieser Zeit, aber bereits in WeChat-Gruppen greift bei dem Thema dann schon die Zensur. Die Kunst k\u00f6nnte ein Ventil f\u00fcr diese Gef\u00fchle sein, aber nur wenige wagen es, sich in einer Atmosph\u00e4re, in der selbst Halloween-Kost\u00fcme mit Corona-Bezug&nbsp;<a href=\"https:\/\/table.media\/china\/standpunkt\/sozialkritik-diese-lehren-lassen-sich-aus-halloween-ziehen\/\">verboten werden<\/a>, dem Thema k\u00fcnstlerisch zu n\u00e4hern.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>So etwas wie ein gro\u00dfer chinesischer Corona-Roman sei deshalb in der aktuellen Lage nicht zu erwarten<\/strong>, sagt Kahn-Ackermann. Eines der wenigen literarischen Beispiele einer Nach-Corona-Literatur sind die im Oktober 2023 erschienen \u201eStadtgeschichten \u57ce\u4e8b\u7d6e\u8bed\u201c des jungen Autors Jiang Yichun \u848b\u7fca\u6df3, der, basierend auf Interviews aus dem Leben gew\u00f6hnlicher Menschen in der fr\u00fchen Phase der Pandemie in Shanghai erz\u00e4hlt. Laut Klappentext versucht das Werk, die chinesische Gesellschaft inmitten der gro\u00dfen Krise aus unterschiedlichen Perspektiven darzustellen und dabei \u201edie M\u00f6glichkeit gegenseitigen Verst\u00e4ndnisses und Mitgef\u00fchls zu erkunden.\u201c So weit, so diplomatisch.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ai Weiwei, der w\u00e4hrend der Pandemie mit versteckten Kameras den drastischen Dokumentarfilm&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=uL4X26wEDQw\">\u201eCoronation\u201c<\/a>&nbsp;produzierte<\/strong>, glaubt gar nicht erst, dass eine Fiktionalisierung der Ereignisse \u00fcberhaupt hilfreich w\u00e4re, wie er&nbsp;<em>Table.Briefings<\/em>&nbsp;erkl\u00e4rt: \u201eHeute erleben wir, wie die unmittelbare Ausdruckskraft des Internets sich direkt mit den Ereignissen der realen Welt \u00fcberschneidet \u2013 es kommt zu einer Art Frontalzusammensto\u00df zwischen digitaler Wahrnehmung und Realit\u00e4t\u201c, so Ai. \u201eKlassische Filmnarrative wirkten auf die Zuschauer heute oft \u00fcberfl\u00fcssig und schwerf\u00e4llig \u2013 eine k\u00fcnstliche Verzerrung der Realit\u00e4t, die das Publikum intuitiv ablehnt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Solchen Einsch\u00e4tzungen gegen\u00fcber stehen Eindr\u00fccke chinesischer Zuschauer, die einen Weg gefunden haben, den Film von Lou Ye trotz des Verbots zu sehen.<\/strong>&nbsp;Auf der chinesischen Social-Media- und Kulturplattform Douban beschreibt ein Nutzer mit dem Nickname \u6728\u70ad\u6817\u7eee seine Eindr\u00fccke: \u201eIn dem Moment, als die Vordert\u00fcr des Hotels blockiert wurde, sp\u00fcrte ich, wie sich mein Hals zusammenzog und ich kaum atmen konnte. Als ich weiter zusah, nahm ich den Geruch von Desinfektionsmittel wahr. Dies ist ein unvollendeter Film, und du und ich tragen jeweils unsere eigenen Szenen dazu bei.\u201c Ein anderer Nutzer namens \u5185\u6709\u6076\u72ac schreibt: \u201eWenn L\u00fcgen das Leben zerst\u00f6ren, dann nutze Fiktion, um die Wahrheit zu erreichen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der K\u00fcnstler und Fotograf Wang Qingsong \u738b\u5e86\u677e, der w\u00e4hrend der Pandemie sein ber\u00fchmtes Werk&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.theworldofchinese.com\/2020\/10\/field-of-laughs\/\">\u201eOn The Field Of Hope\u201c<\/a>&nbsp;erschuf, glaubt, dass es Zeit braucht, bis die Pandemie sich aus dem kollektiven Ged\u00e4chtnis umfassend Bahn in die Kunst brechen kann<\/strong>: \u201eDie meisten chinesischen K\u00fcnstler, Schriftsteller, Musiker und Filmemacher neigen dazu, ihre Gef\u00fchle und Gedanken auf eine sehr subtile Weise auszudr\u00fccken. Sie bevorzugen den Mittelweg\u201c, sagt der 59-J\u00e4hrige zu&nbsp;<em>Table.Briefings<\/em>. Viele Themen und Fragen m\u00fcssen jedoch fr\u00fcher oder sp\u00e4ter aufgearbeitet werden, sagt er. \u201eSo wie China sich erst Jahrzehnte sp\u00e4ter mit den Folgen der Kulturrevolution auseinandergesetzt hat. Daher k\u00f6nnen wir erwarten, dass in Zukunft eine wahre Welle k\u00fcnstlerischer Werke entstehen wird.\u201c<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weil die Deutungshoheit beim Staat liegt, wagen es nur wenige chinesische K\u00fcnstler, sich mit der Corona-Zeit auseinanderzusetzen. Dabei k\u00f6nnte das erlittene Trauma ein Ventil gut gebrauchen.<\/p>\n<p>(Published by China.Table)<\/p>","protected":false},"author":1,"featured_media":890,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_et_pb_use_builder":"off","_et_pb_old_content":"","_et_gb_content_width":"","footnotes":""},"categories":[8],"tags":[],"class_list":["post-888","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-china"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/fabianpeltsch.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/888","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/fabianpeltsch.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/fabianpeltsch.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/fabianpeltsch.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/fabianpeltsch.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=888"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/fabianpeltsch.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/888\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":897,"href":"https:\/\/fabianpeltsch.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/888\/revisions\/897"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/fabianpeltsch.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/890"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/fabianpeltsch.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=888"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/fabianpeltsch.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=888"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/fabianpeltsch.com\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=888"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}